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Historie















In einer Zeitschrift erschien im Jahre 1972 ein Artikel, der ein paar Tips zu einer nicht alltäglichen Freizeitbeschäftigung gab. Die Rede war vom Tonbandeln. In der örtlichen Stadtbücherei gab es auch einige Bücher zu diesem Thema. Darin wurde auch erklärt, wie man aus einer Buchvorlage ein brauchbares Hörspiel zaubern konnte. Ich als 11jähriger hatte allerdings gleich mehrere Probleme. Ich besaß nur einen simplen Cassettenrecorder und all jene Mitschüler, die ich mochte wollten um keinen Preis vors Mikrofon. Dabei hatte ich schon so tolle Ideen! So nahm ich meine Stücke allein auf. Die Zuspielung erfolgte vom Plattenspieler per Mikrofon. Als ich dann – es war das einzige Weihnachtsgeschenk was ich als Jugendlicher bekam – ein SABA 448 G Tonbandgerät - und ich war selig.


Sharp-Recorder von 1985















Für unsere Nachbarn muß es toll gewesen sein. Wann immer ich Zeit hatte probierte ich herum, immer wieder war ich nicht zufrieden. Erst im Jahre 1974 entstand das erste richtige Höraspiel mit dem Titel »Geheimauftrag 0467«. Ich nahm auch zu den zahlreichen Hörspielfreunden Kontakt auf, doch diese besaßen keinerlei Jugendorganisationen, ich kam mir da irgendwie deplaziert vor. Doch eines tat ich mit Wonne. Ich klaute einen Namen. Das Tonteam Siegburg schickte seinen Mitgliedern regelmäßig ein so genanntes Rundband. Jeder Empfänger packte hinten einen eigenen Beitrag drauf bevor er es weiterschickte. Dieses Rundband nannte sich »Tonboutique«.


mein erstes Spulentonband-gerät











Schon drei Jahre später stand ich dann in einem richtigen Rundfunkstudio, bei einem Feriensender in Spanien, wo ich neben meiner Discjockeyarbeit fleißig Hörspiele aufnahm. Schon ein Jahr später richtete ich mir das erste provisorische Tonstudio ein. Doch davon hatte ich nichts. Mein bewegtes Leben führte mich bunt durch die Welt. Ich wohnte in Monrovia (Liberia), San Francisco, Los Angeles, Chicago, New York, Kingston (Jamaica), Singapore. Auch in Bangkok und Stockholm nahm ich Hörspiele auf. - Erst 1987 wurde die Tonboutique (wieder) in Berlin sesshaft, dort entstanden dann Hörspiele in perfekter Rundfunkqualität mit einer Profimaschine aus dem Hause Telefunken, sowie mit einer ASC 6000. Als das gute Stück kaputt ging folgten Aufnahmen mit einem recht guten Cassettendeck.


Wickeldorn mit AEG Aufnahme und offenem Wickel









Als im Jahre 1998 die ersten CD-Recorder herauskamen, die es möglich machten eigene Hörspiel CDs zu brennen, war ich nicht mehr zu halten und kaufte sogar zwei der recht teuren Geräte. Zu dieser Zeit besaß ich keinen Computer, wohl aber ein elektronisches Schreibgerät, an dem all die alten Manuskripte nun auf Diskette gespeichert wurden. Erst 2005 entschwand das klassische Tonstudio und wurde durch einen Computer ersetzt. Das betraf allerdings nur Berlin.


Die Wunder-maschine









Mein 1984 in Manhattan aufgebautes Tonstudio ist noch immer voll funktionsfähig, inklusive einer 16 Spur Tonbandmaschine und einer originalen Telefunken 16A. Bereits zwei Jahre später zog das Studio nach Chicago und 2013 wieder zurück, in ein rund 100 Jahre altes Haus an der West 30th Street. Zunächst wurde ein Condo neben der Hausmeisterwohnung zum Tonstudio, dann ein Den in der 17. Etage und endlich, im Frühjahr 2019 zog das Tonstudio in ein freundliches Zimmer mit Blick zur Straße. - Dort sitzt allerdings nur mein Fozzibärplüschi vor dem Mikrofon und passt auf die Geräte auf.


Das Tonstudio im fensterlosen Lagerraum









Es sah ja so toll aus. Bunte Cover, sauber geschnitten und beschriftet standen sie da. Fast 900 Hörspiele perfekt präsentiert. Diese hatte ich zwischen 1999 und 2002 vom Tonband oder Cassette, mittels CD-Recorder, auf CD überspielt. Täglich freute ich mich, wenn ich auf die Regale schaute. - Dann zog ich um und da ich die Wohnung einem Freund überließ, blieben die Hörspiel CDs erst einmal dort wo sie waren. In mehreren Regalen, zusammen mit einem kleinen weißen Fernseher. Dieser gab stilgerecht beim Abspann von »Colombo« eines Sonntags spektakulär seinen Geist auf. Standbild, Bildausfall und schließlich zischte es bedrohlich. Ein zügiger Griff zum Stecker verhinderte Schlimmes. Die Wohnung stank ein paar Tage nach Chemie. Dann war der Spuk vergessen und mein Freund beschaffte sich einen neuen Fernseher. Ein Jahr später bemerkte er Feuchtigkeit auf der Tapete, die Wand dahinter war bereits verschimmelt.


vom Schimmel befallen









Er beseitigte, übrigens mit meiner Hilfe, den Schimmel und renovierte fleißig. Doch nach knapp zwei Jahren war der Schimmel wieder da. Es folgte die nächste Schimmelentfernung. Dieses Mal wurde die Wand hinter dem Regal mit Tiefgrund behandelt und nur gestrichen. - Erst im folgenden Jahr, im Frühjahr 2013, besuchte ich meine Hörspielschätzchen wieder und war entsetzt. Auf den CDs war ein grauer Belag und sie rochen nach einer Mischung Silbernitrat und Schimmelentferner. Sämtliche Cover wirkten wie aufgeweicht. Panisch warf ich so gut wie alle Cover fort, ebenso jene Jewelcases, die einen schmierigen Belag hatten. Die CDs kamen in Papierhüllen und wanderen in einen sehr großen Umzugskarton, den ich fortan im letzten Winkel meiner Wohnung verwahrte. Mit Handschuhen und Mundschutz säuberte ich jede CD und ließ sie dann von meinem PC »rippen«. Die dadurch vorliegende WAV-Datei unterzog ich einer Schönheitskur. Die Zwischenmusiken (die ich »Musikblenden« nenne) wurden durch gemafreie Musiken ersetzt; Rauschen wurde rausgefiltert und teilweise die Dynamik angepasst. Das war kein Hobby mehr, das war ein Fulltimejob.











Doch bei vielen Hörspielen gab es eine böse Überraschung. Waren sie länger als 25 Minuten begannen sie hinten heftig zu knacken, so dass dieser Teil neu aufgenommen werden musste. Manche CDs knackten bereits vorn. Letztlich mußten über 60 Hörspiele komplett neu aufgenommen werden. Bei rund 80 Hörspielen waren die letzten 10 Minuten neu aufzunehmen. Das Wunder gelang. Der Übergang zwischen der »alten« Aufnahme und dem neu angefertigen Teil ist fast in allen Fällen nichts zu merken. Doch es kam noch schlimmer. Bei dem Hörspiel »Ein neuer Kerl muß her« sind drei Frauenstimmen zu hören, aber die Sprecherinnen sind bereits verstorben. Würde man das Hörspiel umschreiben, käme das einer Zerstörung gleich und komplett löschen wollte ich das Stück auch nicht. Also überließ ich »Marcus« von Linguatec – also einer rein vom Computer erzeugten Stimme die Aufgabe des Vorlesers. Das heißt die Szene wird vorgelesen, mit allen Regieanweisungen. - Zwei Jahre später geschah ein Wunder. Wir fanden auf einer Cassette eine sehr gute Version des Hörspiels.











Bei 12 Stücken entschied ich mich gegen eine Neuaufnahme. Ihre Nummern verwendete u. a. für die neue Serie »Der graue Planet«. - Schließlich im Oktober 2015 war es soweit. Nach 31 Monaten harter Arbeit waren sämtliche Hörspiele wieder vorführbar, dieses Mal allerdings in Kisten verpackt. Viele Hörspiele nur in Papierhüllen, damit das Archiv noch hallbwegs übersichtlich blieb. In diesem harmlosen Hörspielarchiv stecken weit über 5.000 Stunden Arbeit. Und dieses Mal war ich schlau. Jedes Hörspiel gibt es nicht nur auf CD, sondern auch als MP-3 auf einer mobilen Festplatte und auf Speichersticks.

  • 53 Neuproduktionen nach alter Vorlage

  • 5 mussten ab der Hälfte neu produziert werden

  • 37 musste die letzte Szene und die Absage neu gemacht werden

  • 12 Neuuaufnahmen nach neuem Skript



















© Die Fotos und Zeichnungen auf dieser Seite gehören Ralf-G. Knuth, sie stehen nicht zur freien Verfügung.










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